Radevormwald, den 29. August 2010
Zuweilen werde ich auch heute noch auf meine Bürgermeisterkandidatur im Jahr 2009 angesprochen.Das freut mich, denn es erinnert mich an eine interessante Zeit mit vielen neuen Erfahrungen.
Da ich bei den nächsten Wahlen mein Angebot an die Radevormwalder Bürger nicht erneuern werde, möchte ich die wesentlichen Erkenntnisse hier an Personen weitergeben, die sich eventuell mit dem Gedanken tragen, sich als parteilose Bürgermeisterkandidaten zu engagieren.
Denn nach wie vor bin ich davon überzeugt, dass angesichts der Gesamtsituation der Stadt Ideologien und partei-/personalpolitische Querelen auf die dritte Stelle hinter dem Komma gehören.
Nur eine professionelle, transparente und zielorientierte Führung kann die Stadt aus dem Schlamassel retten.
1.) Also beginnen wir mit Ihnen, dem interessierten parteilosen Kandidaten.
(Parteigänger wissen ohnehin wie es geht und sie finden genug interne und externe Beratung.)
Zunächst benötigen Sie hinreichende geistige und wirtschaftliche Unabhängigkeit.
Dass Sie selbststängig Ihre eigenen Standpunkte entwickeln können und wollen ist klar.
Sonst würden Sie ja nicht den schwierigeren Weg der Parteilosigkeit gehen.
Bei der wirtschaftlichen Unabhängigkeit reden wir natürlich nicht über die Flyer und Plakate oder die 1000 Euro für die Verteilung im Heimatanzeiger. Nein, Sie sollten davon ausgehen, dass Sie dieses Projekt etwa ein Jahr intensiv binden wird. Denn Sie starten als absoluter Außenseiter; quasi aus der letzten Reihe. Das bringt zwar eventuell ein paar Sympathiepunkte kostet aber auch viel Zutrauen bei den Bürgern zu Ihrem Wahlerfolg.
Natürlich müssen sich auch zumindest in den wesentlichen Themen sachkundig machen, an Rats- und Ausschusssitzungen teilnehmen und sich bei der Bevölkerung vorstellen und Ihre Standpunkte darlegen.
Für Freiberufler und Unternehmer bedeutet dies Umsatzeinbußen oder entsprechende Kosten.
(Bei Behörden und in größeren Betrieben soll es leichter sein, die erforderliche Zeit zu generieren.)
Da man Sie nicht kennt, müssen Sie früh mit Ihrer Tour über die Dörfer und Ihrem Tischchen auf dem Marktplatz beginnen. Am Anfang scheint dies uneffektiv, ist aber für Sie unvermeidbar. David muss eben früher aufstehen als Goliath :-)
Und um es gleich vorwegzunehmen, zum Schluss wird es immer noch heißen: ´Den kenne ich doch nicht!´. Und das hat Ursachen.
Mit der Veröffentlichung Ihrer Kandidatur gelten Ihre Aktivitäten im kulturellen, sozialen oder wirtschaftlichen Bereich als ´wahlkampfgetrieben´. Ihre Leserbriefe werden z.B. von einigen Zeitungen nicht mehr veröffentlicht.
Aus diesen Gründen ist der Aufbau einer eigenen interessanten und ´sympathischen´ Homepage für Sie sehr wichtig. Starten Sie hiermit recht früh.
Als Kandidat werden Sie auch von etlichen Bürgern und ´Sympathisanten´ ins Vertrauen gezogen.
Ihnen werden ´Unterstützungen´ zugesagt und Hintergründe über ´Skandälchen´ zugetragen.
Verlassen Sie sich nicht darauf, dass dies alles so eintritt oder genutzt werden kann. Die Ursachen dafür sind vielfältig und manchmal sehr ernüchternd.
2.) Der amtierende Bürgermeister besitzt den sogenannten ´Amtsbonus´.
Dieser besteht zunächst in der Tatsache, dass er ´von amtswegen´ die Sachstände und Prozesse kennt, oder kennen sollte. Es ist schließlich sein Job. Dieser Vorteil wird jedoch eher selten genutzt.
Der mediale Vorteil wiegt deutlich schwerer. Ob mit Fahrrad, im Altersheim, bei einem Jubiläum, einer Siegerehrung oder mit einem Kleinkind auf dem Arm, die Presse ist immer dabei ´in Farbe und in Bunt´.
In Kombination mit dem Delegationsrecht (bei negativen Schlagzeilen) und einem einigermaßen medienpolitischem Geschick ist dies ein sehr bedeutender strategischer Vorteil des Amtsinhabers.
3.) Der kandidierende Parteisoldat hat zwei Trümpfe.
Zunächst ist es die reine ´Manpower´. Während Sie alleine durch die Straßen tingeln, Plakate kleben und sich zwischen Wuppermarkt und Schlossmacherplatz entscheiden müssen, ist das für die eingespielten Parteiteams kein Problem.
Aber eine solche Allianz bietet natürlich auch weitere Vorteile. So kann der Name eines Parteikandidaten durch banale oder gezielte Kommentare und Einlassungen von Parteifreunden immer wieder mal in die Presse gebracht werden. Auch das hilft.
Und über das Parteienfinanzierungsgesetz haben die Parteien durchaus respektable Büdgets, die sie natürlich auch für Wahlkampfunterstützung einsetzen. Deshalb rollt der Rubel für Werbegeschenke, informative Frühschoppen, Poster, Kaffee mit Pflaumenkuchen und Inserate wesentlich lockerer. Steuergelder fließen eben einfach schneller als die Euros aus Ihrer privaten Schatulle.
Und wenn Sie jetzt von einem amtierenden Bürgermeister mit Parteizugehörigkeit ausgehen
- also 2. und 3. zusammenziehen - erkennen Sie, dass Ihre Kandidatur eine echte Herausforderung ist.
Oder eine ´Tollkühnheit´, wie ein Radevormwalder Ratsherr es in meinem Fall genannt hat.
Und es ist wichtig und interessant und macht sehr viel Spaß! Trauen Sie sich einfach!
Mehr Infos auf (ernstgemeinte) Anfragen gebe ich gerne !-)